Musikbranche und Internet – eine Klarstellung.

7. Februar 2009

Marcel Weiss hat einen vieldiskutierten Beitrag zur Debatte um die freie Verbreitung von Musik im Netz geliefert. Während ich ihm in vielen speziellen Punkten Recht gebe, so glaube ich dennoch, dass er – wie so viele andere Netz-User, die über das Thema schreiben – einige wichtige Punkte völlig verkennt.

Die erste These, die er aufstellt, lautet: Da die digitalen Kopien von Musik keine knappen Güter seien, tendierten die Grenzkosten der Produktion (im Sinne von Bereitstellung) gegen null. Daher sei es ökonomisch nicht sinnvoll, Geld für Musikdateien zu verlangen.

Die zweite These könnte man so ausdrücken: Selbst, wenn es Nutzer gibt,  die MP3s zu kaufen bereit sind, übersteigen die Opportunitätskosten die Einnahmen durch den digitalen Verkauf.  Die Opportunitätskosten entstehen dadurch, dass durch die künstliche Verknappung der MP3s eine mögliche Verbreitung der Musik, damit mehr Fans und damit mehr Möglichkeiten der Verwertung (etwa durch Live-Konzerte, Merch etc.)  verhindert wird.

Nun, in einer Antwort auf die zahlreichen Reaktionen zu seinem Artikel hat Marcel dankenswerterweise selbst (zumindest fast) eingeräumt, dass seine erste These falsch ist. Es ist nunmal so: Komfort und Geschwindigkeit beim MP3-Download sind ein knappes Gut, für das Menschen Geld bezahlen. Das Durchklicken durch Tauschbörsen, Rapidshare-Links etc. kostet manchmal sehr viel Zeit und erfordert eine gewisse Versiertheit im Umgang mit dem Internet. Abgesehen davon würde ich auch das Brechen des eigenen Gerechtigkeitsempfinden (das, wie zahlreiche Forschungen suggerieren, beim Menschen wohl ziemlich stark verankert ist) beim kostenlosen Download zu den Kosten zählen. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich einen Künstler verehre und seine Musik bewundere, fühlt sich der kostenlose Download nicht gerade gut an. Es sei denn, der Künstler stellt mir das Album von sich aus auf seiner Website zur Verfügung. Und das genau ist ein guter Gründ für den Künstler (bzw. sein Label), statt einem kostenlosen Link zu seiner Musik lieber einen Link zum Kauf seiner Musik auf seine Website zu setzen. Eingeräumt werden muss freilich, dass die Möglichkeit des kostenlosen Downloads schon einen gewissen Druck auf den Preis für Online-Musik ausübt. Die Transaktionskosten für den illegalen Download sind aber dennoch stets vorhanden (außer man reduziert sie freiwillig auf ein Minimum), und somit tendiert der Preis eben nicht gegen null.

Nun könnte man einwenden: Ja, vielleicht ist das heute noch so, aaaber schon bald werden eh alle nur noch runterladen, die neue Generation, wir brauchen ein gaaanz neues Modell blablabla…

Dazu hat der große, jahrzehntelange Begleiter der Musikindustrie Bob Lefsetz (dessen Newsletter ich jedem empfehlen kann, der sich für das Thema Musikgeschäft interessiert) einmal folgendes geschrieben:

Technology moves fast. Declaring obsolescent yesterday’s uber-desirable product. The key is to ride the wave, get in at the right time, delivering what the public wants, and then get out. But the music industry doesn’t seem to get this. It believes there’s going to be a new CD. A new MTV. So busy waiting for the next “standard”, the music business sits on the sidelines, missing out on revenue and becoming further marginalized.

Der Punkt ist: Ich weiß nicht, was in ein, zwei, drei Jahren sein wird. Es geht im sich immer rascher wandelnden Musikgeschäft darum, zu schauen: Wie ist jetzt die Situation? Wie hören die Leute Musik, wie verhalten sie sich im Netz? Was wollen die Verbraucher? Und ja, viele sind bereit, für Musik online Geld auszugeben, und diese Leute müssen bedient werden. Ob es in ein paar Jahren ganz anders aussieht, ob es da einen neuen Standard oder die Lösung geben wird, weiß keiner – ich glaube aber eher nicht.

Was ist nun mit der zweiten These, wonach eine künstliche Verknappung von Musikkopien durch den Online-Verkauf von MP3s die Verbreitung des eigenen Bekanntheitsgrades am Markt verhindert?

Bitte, liebe Leute, diese These wird nicht dadurch richtiger, dass sie jeder immerzu wiederholt. Wann habt Ihr denn das letzte Mal eine Band entdeckt aufgrund einer heruntergeladenen MP3? Aufgrund eines Links auf der Website “hier kostenloses Album runterladen!” ??

Die Realität sieht so aus: Bands werden erstmal bei Myspace, Youtube und last fm abgecheckt. Dort finden sich fast immer zumindest die vier, fünf besten Songs einer Band. Bei Gefallen geht man vielleicht auf ein Konzert (oder umgekehrt). Und dann wird man vielleicht Fan. Und dann, ja dann kauft man sich vielleicht ein Album – sei es als MP3, auf Vinyl oder auch auf CD (ja ihr hippen Internet-Süchtlinge, das ist noch ein Markt!) – oder läd das Album halt kostenlos (und illegal) aus dem Netz oder kopiert es sich von Freunden.

Anders gesagt: Es gibt momentan eigentlich zwei getrennte Märkte für Online-Musik, den Streaming-Markt auf der einen Seite und den MP3-Markt auf der anderen. Für den Streaming-Markt gilt uneingeschränkt die Analyse von Marcel – die Grenzkosten sind  gleich null, und für die Verbreitung von Musik ist Streaming (neben Livekonzerten, klassischer PR und Werbung) der Weg im heutigen Umfeld. Gleichzeitig lässt sich mit dem Verkauf von MP3-Dateien tatsächlich Geld verdienen, und es wäre Unsinn, dies zu verhindern, indem man als Künstler bzw. Label Musik kostenlos anbietet. Und genau das ist es doch, was momentan passiert: Labels sorgen dafür, dass man die Musik überall kostenlos streamen kann, und gleichzeitig werden sämtliche Online-Stores beliefert und verlinkt. Das machen die nicht, weil die dumm sind, sondern weil es momentan der sinnvollste Weg ist – der Markt hat entschieden. Auch wenn die großen Major-Labels den Markt lange ignoriert haben.

Übrigens gilt auch hier: es gibt keine allgemeinen Rezepte. Es kann durchaus sinnvoll sein, einzelne Musikstücke zu verschenken zur Promo (gerade auch in Form von Podcasts), oder auch eine PR-Kampage auf einem kostenlosen Download aufzubauen (siehe etwa Radiohead). Außerdem muss die Zielgruppe berücksichtigt werden: Der Schlagermarkt sieht natürlich anders aus als der Teenie-Musikmarkt, der wiederum anders aussieht als der Markt für elektronische Clubmusik etc. Jedenfalls ist es im Moment den wenigsten Künstlern und Labels zu empfehlen, alle ihre MP3s kostenlos zum Download ins Netz zu stellen – Streaming hingegen auf jeden Fall. Hier sollten auch die Major-Labels umdenken, die teilweise immernoch nur Snippets auf ihre Myspace-Seiten stellen.

Was die Diskussion im Netz über solche Themen angeht, so stört mich dieses ewige Ausbrüten von “der neuen perfekten Lösung”, die es meines Erachtens nicht gibt – vielmehr haben wir es mit einem sehr ausdifferenzierten Musikmarkt zu tun, der sich ständig wandelt. Auch Sätze wie “das entspringt dem Denken aus der analogen Welt” helfen uns nicht weiter – was soll das denn sein, die analoge Welt? Ich mit nem Burger vor meinem PC? Statt solche Schlagwörter nachzuplappern lohnt ein Blick auf die Wirklichkeit der Musiklandschaft. Ich werde zuweilen den Verdacht nicht los, dass die meisten Teilnehmer dieser Diskussion auf User-Seite einfach nur fröhlich ihre Musik kostenlos haben wollen, sie aber noch ein Rest schlechten Gewissens gegenüber ihren musikalischen Helden plagt und deshalb von diesen ihren Segen erhalten wollen in Form von kostenlosen Downloads…

4 Antworten zu “Musikbranche und Internet – eine Klarstellung.”

  1. Marcel Weiß Sagt:

    Ohne die Diskussion neu aufrollen zu wollen, denn ich bin von den Missverständnissen aus meinen Texten zum Thema noch mehr als gesättigt:

    “Komfort und Geschwindigkeit beim MP3-Download sind ein knappes Gut, für das Menschen Geld bezahlen. Das Durchklicken durch Tauschbörsen, Rapidshare-Links etc. kostet manchmal sehr viel Zeit und erfordert eine gewisse Versiertheit im Umgang mit dem Internet.”

    Das ist zum Teil richtig. Aber ich empfehle Dir, einmal private BitTorrent-Tracker anzuschauen. Im Musikbereich vielleich Artikel online suchen zum nicht mehr existenten Oink oder dessen NAchfolger what.cd. Der dort ermöglichte Comfort schlägt jeden Downloadshop.
    Solche Dinge werden eher einfacher, als schwerer. Das ist schlicht eine Realität.

    “Nun, in einer Antwort auf die zahlreichen Reaktionen zu seinem Artikel hat Marcel dankenswerterweise selbst (zumindest fast) eingeräumt, dass seine erste These falsch ist.”

    Nein.
    Wofür die Leute bezahlen, wie Du richtig sagst, ist entweder der Komfort, den man bei itunes und co findet, oder auf dem Wille basiert, den Musiker zu unterstützen. Wofür sie _nicht_ bezahlen, ist der Besitz der Musikaufnahme. Ich weiß, dass das sehr abstrakt ist, das alles voneinander zu trennen, weil es bei physischen Tonträgern untrennbar miteinander verbunden ist. Digital ist es das aber nicht mehr. Und das ist für alle weiteren Überlegungen zu dem Themenkomplex extrem wichtig.

    “Wann habt Ihr denn das letzte Mal eine Band entdeckt aufgrund einer heruntergeladenen MP3? Aufgrund eines Links auf der Website “hier kostenloses Album runterladen!” ??”

    Bitte etwas mehr Fantasie. Und Sites wie die Hypemachine ( hypem.com ) widerlegen Deinen Ausspruch für eine Menge Leute. Ebenso Sites, die von der Musikindustrie gekillt wurden (Muxtape als eines von vielen Beispielen). Jamendo beweist zum Beispiel, was alles mit freier Musik möglich wird. Je mehr Freiheit, desto bessere Distribution und mehr verschiedene Ansätze.

    Noch ein paar Anmerkungen:
    Ich habe nie behauptet, “die perfekte Lösung” anzubieten. Im Gegenteil muss jeder Musiker für sich selbst den besten Mix finden.

    Wenn ich vom “Denken aus der analogen Welt” spreche, dann meine ich damit den Gedanken, für die Transaktion der Aufnahme selbst Geld zu verlangen, weil das mit physischen Tonträgern eben nicht anders möglich ist. DAS ist im Internet anders. Auch wenn es besonders in bei den Rechteinhabern niemand sehen will.

    Ich würde zum Beispiel heute neu anfangenden Musikern dringend empfehlen, so viel ihrer Musik frei weiterzugeben, wie möglich. Alles andere führt definitiv zu einer geringeren Verbreitung als es das eigene Potential hergibt und macht jede weitere Entwicklung unnötig schwer.

    Mir indirekt vorzuwerfen, dass ich aus der Usersicht schreiben würde und nur das vermeintliche eigene P2P-Verhalten zu legalisieren versuchen würde, ist ausgemachter Humbug, auf den ich nicht näher eingehen werde. Stattdessen empfehle ich dazu eine wiederholte Lektüre meiner Artikel.

    • Lucien Sagt:

      Danke für die ausführliche Antwort!
      1. Ich meinte mit meiner Kritik am “User-Blickwinkel” nicht Leute wie Dich, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen (war ein bisschen unklar). Mich nervt nur diese einseitige “böse Musikindustrie, Musik ist doch frei!!”-Einstellung, die oft in Artikeln und Kommentaren zum Ausdruck kommt (da stimmst du mir ja vielleicht zu). So einfach ist es halt nicht.
      2. Ich glaube, ich habe Dir zu Unrecht unterstellt, dass Du die Lösung suchst, das war wahrscheinlich eher auf andere Meinungen bezogen, die ich zu dem Thema schon gehört habe. Dennuch suggerierst Du, dass das Verschenken von MP3s prinzipiell vorzuziehen sei. Dem stimme ich nicht zu.
      3. ja, kostenlose Downloads sind eine Realität, und die Nutzerbasis wird wahrscheinlich eher zu- als abnehmen, das ist unbestritten. Ich glaube aber dass momentan und in der nächsten Zukunft ein Markt für den Verkauf von MP3s existiert, den man bedienen sollte, anstatt sich grundlegende Gedanken darüber zu machen, ob Menschen nun für die MP3 bezahlen oder für das Recht, sie abzuspielen oder für ihr beruhigtes Gewissen (das ist wahrscheinlich bei jedem anders).
      4. Ich bleibe dabei: Trotz aller coolen Communities wird die Verbreitung der eigenen Musik durch kostenlose MP3s überbewertet. Jungen Bands würde ich (und so ziemlich jeder in der Musikbranche) empfehlen (in dieser Reihenfolge!):

      Werdet eine gute Live-Band und spielt viele Gigs. Das ist der Weg schlechthin, um erfolgreich zu werden.

      Macht klassische PR. Es ist sehr wichtig, in allen Magazinen (off- und online) vertreten zu sein. Lasst euch eine authentische Story einfallen, die ihr erzählen könnt und die interessant für die Medien ist und sich auch im Internet verbreiten kann
      Sorgt dafür, dass Ihr auf allen Streaming-Plattformen präsent seid und in den großen Communities
      Seid in allen Online-Shops vertreten
      ja, versucht auch mal andere Wege zu gehen: Remix-Contest, Verschenken von MP3 usw.

      Inwieweit der letzte Punkt so wichtig ist, dass man auf Einnahmen aus Online-Shops verzichtet, hängt von vielen Dingen (insbes. der Zielgruppe) ab. Meist macht das aber (noch?) keinen Sinn. Sobald ein gewisser Erfolg (fast immer durch Live-Gigs!) sowie ein professionelles Album da sind, sollte man dieses Album auch verkaufen. Als CD, Vinyl und MP3. Analoges Denken hin oder her. Bevor dieser Erfolg da ist, wird man seine Musik sowieso verschenken müssen, weil keine Sau dafür bezahlen will. Das kann man sich natürlich auch mit “Musik ist frei”-Idealismus schönreden (das geht jetzt nicht gegen Dich).

  2. Karl Brandt Sagt:

    hallo lucien!

    ich kann dir bei einem punkt nicht recht geben:

    “Bitte, liebe Leute, diese These wird nicht dadurch richtiger, dass sie jeder immerzu wiederholt. Wann habt Ihr denn das letzte Mal eine Band entdeckt aufgrund einer heruntergeladenen MP3? Aufgrund eines Links auf der Website “hier kostenloses Album runterladen!” ??”

    icht entdecke sehr oft bands, eben dank diesen kostenlosen heruntergeladenen mp3 tracks!!! es muss ja nicht unbedingt das ganze album sein, aber 3-4 tolle tracks reichen aus um mein Interesse zu wecken! Vorallem wenn es unbekannte newcomer oder indiebands sind !

    • Lucien Sagt:

      Hi Karl,
      interessant, ich gebe zu, ich bin natürlich von mir und meinem Bekanntenkreis ausgegangen, wo ich doch eher beobachte, dass frische Musik mittels youtube, myspace und co. sowie Online-Shops entdeckt wird (am besten natürlich auf Empfehlung hin) – abgesehen natürlich von den üblichen (online-)Magazinen. Aber ich glaube auch, dass die kostenlose Weitergabe von MP3-Dateien durchaus sinnvoll sein kann, und außerdem – das habe ich im Artikel nicht deutlich gemacht – wäre es für eine Newcomerband, die ganz am Anfang steht, nicht sehr sinnvoll, MP3s zu verkaufen, da sie eh keiner kaufen würde – das war vor dem Internet-Zeitalter schon genauso: da wurden Platten auch schon haufenweise verschenkt und verschickt. Der Punkt, den ich machen wollte ist: Ich finde die Empfelung “gebt alle eure musik kostenlos weiter” zu pauschal und sehe zumindest im Moment noch einen Markt für den Online-Verkauf von Musik, vorausgesetzt, eine Band hat sich schon ein gewisses Publikum erspielt (oder ein Produzent hat sich einen Namen gemacht). Das schließt ja keineswegs alternative Modelle der Vermarktung aus, aber es kollidiert halt mit der pauschalen kostenlosen Verbreitung der eigenen Musik.


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